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"Es war eine glückliche Überraschung, dass wir erfolgreich waren"


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    In den 1980ern manifestieren Orchestral Manoeuvres in the Dark mit Songs wie "Enola Gay" ihren ganz eigenen melancholisch-melodiösen New-Wave-Sound. Jetzt erscheint mit "Bauhaus Staircase" ihr 14. Album. Mit ntv.de sprechen OMD über technologischen Fortschritt und das drohende Ende der Menschheit.

    45 Jahre Bandgeschichte liegen hinter Orchestral Manoeuvres in the Dark alias OMD. In den 1980ern manifestierten Andy McCluskey und Paul Humphreys mit Songs wie "Enola Gay", "So In Love" und "Maid Of Orleans" ihren ganz eigenen melancholisch-melodiösen New-Wave-Synthie-Pop, der viele Bands nach ihnen beeinflusste.

    Jetzt - mit Mitte 60 - legen sie ihren 14. Longplayer "Bauhaus Staircase" vor und halten dabei die Waage zwischen dem eigenständigen OMD-Sound und zeitgemäßen Klängen. Mit ntv.de sprachen McCluskey und Humphreys über die bisweilen anstrengende und langwierige Suche nach neuen Ideen, ihrem Respekt für die alten Hits und das womöglich bevorstehende Ende der Menschheit.

    ntv.de: Die Veröffentlichung eures Albums "The Punishment Of Luxury" liegt fast sechs Jahre zurück. War schon damals klar, dass es ein weiteres geben wird oder hat euch erst dessen Erfolg oder auch die Pandemie dazu animiert?

    Andy McCluskey: Exakt alles, was du sagst. Wir haben "The Punishment Of Luxury" veröffentlicht und eine Tour dazu gemacht. Dann veröffentlichten wir noch ein Album zum 40. Band-Jubliäum, mit dem wir unterwegs waren. Plötzlich war Februar 2020 und alles war vorbei. Während der Pandemie war uns dann tatsächlich total langweilig, weil man nirgendwo mehr hingehen konnte und nichts zu tun hatte.

    Paul Humphreys: Andy war ein bisschen mehr gelangweilt als ich, muss man dazu sagen. (lacht)

    McCluskey: Ja, gut, das stimmt. Paul hat andere Prioritäten. Er war damit beschäftigt, umzuziehen und Babys zu bekommen. Ich habe dann stattdessen beschlossen, ins Studio zu gehen, weil ich keine Lust mehr hatte, nur dazusitzen und an die Wand zu starren. Ich wollte schauen, was von unserem bestehenden Material ein neuer Song werden könnte. Ich habe nach einer Idee gesucht, die noch nicht fertig ist. Das ist wie bei einem Maler, der in seinem Atelier unfertige Bilder herumstehen hat. Als ich die ersten Stücke fertig hatte, flehte ich Paul an, mir Material zu schicken.

    Humphreys: Ich saß in Frankreich fest, wo ich inzwischen lebe. Und so ist "Bauhaus Staircase" das erste Album, bei dem wir nicht viel Zeit gemeinsam im Studio verbracht haben, um mit Ideen um uns zu werfen. Wir mussten viel getrennt arbeiten. Früher haben wir den Kern einer Idee gemeinsam entwickelt, das ging dieses Mal nicht.

    McCluskey: Ich habe die Zeit genutzt, mein System aufzurüsten, weil das sehr alt war. Also habe ich mir einen Zwilling von Pauls "Pro Tools" besorgt, damit ich ihm die Songs schicken und er sie mir wieder zurückschicken konnte.

    Hat das oder auch sonst etwas hinsichtlich der Pandemie Einfluss auf euch, euren Sound und die Inhalte der neuen Songs gehabt?

    McCluskey: Beruflich gesehen war die Pandemie für uns ein Glück. Wir haben fast drei Jahre lang nur an dem Album gearbeitet. Wenn man älter wird und so viele Alben gemacht hat, dauert es schon sehr lange, bis man eine Sammlung an Songs hat, die man für gut genug hält. Man weiß inzwischen, das nicht alles, was man macht, Gold ist.

    Humphreys: Nun, ich denke, das hat jeden von uns verändert. Wir rannten alle 100 Meilen die Stunde, unsere Terminkalender waren voll. Dann waren wir gezwungen, uns einfach mal hinzusetzen und eine Bestandsaufnahme unseres Lebens zu machen. Herauszufinden, was eigentlich unsere Prioritäten sind und wer am wichtigsten für uns ist. Familie, Freunde. Man fängt an, über die Nachbarn nachzudenken. Geht es ihnen gut, brauchen sie was? Ich hatte endlich mal Gelegenheit, mich mit Leuten zu unterhalten, die ich vernachlässigt habe, weil ich so beschäftigt war. Und das spiegelt sich auch im Album wider.

    McCluskey: Die Leute haben wiederentdeckt, dass sie freundlich und einfühlsam sein können. Es gab viel mehr Liebe, weil man sich um andere Menschen gekümmert und gesorgt hat. Es gibt drei Songs auf dem Album, die ich textlich als Geschenk für die Leute gemacht habe. Eine musikalische Umarmung in Zeiten, die scheiße sind. "Du machst schwere Zeiten durch, aber ich liebe dich", so in etwa. Es gab aber auch so ein paar Dinge, die in den Fokus gerückt sind. Ich wollte schon lange einen Song schreiben, der "Evolution Of Species" heißt, so wie auch "Anthropocene". Wenn man als Mensch von einer Pandemie betroffen ist, denkt man über sich selbst als Spezies auf dem Planeten nach, auf dem es keinen Gott gibt. Wir sind nicht aus einem bestimmten Grund hier, es könnte auch eine Pandemie geben, die uns alle tötet. Ich habe über das größere Bild nachgedacht. Darüber, dass wir im neuen geologischen Zeitalter leben, das vom Menschen beeinflusst wird.

    Zudem ist "Bauhaus Staircase" ein recht politisches Album geworden. Etwas, das bei euch sonst eher keine Rolle gespielt hat.

    Humphreys: Das stimmt, es ist ein sehr politisches Album.

    McCluskey: Ich denke, ich muss keine Namen nennen. Es gibt so viele narzisstische Politiker auf der Welt. Und es kommt jeden Tag ein neuer dazu.

    Keine rosigen Aussichten. Und die Zeiten sind mit dem Ukraine-Konflikt, dem Terroranschlag auf Israel und dessen Folgen, dem wachsenden Antisemitismus, dem Rechtsruck und dem Klimawandel sowieso schon schwer genug eigentlich ...

    McCluskey: Aber wenn man sich die Geschichte anschaut, und nicht nur die letzten zehn oder 20 Jahre ... 1940 zum Beispiel, da war es wirklich schrecklich. Global gesehen ist so vieles besser geworden. Es gibt mehr gute Medikamente für die meisten Menschen, mehr Lebensmittel. Die Menschen lernen, nicht so viele Kinder zu bekommen. Die Weltbevölkerung wird jetzt ihren Peak erreichen, danach sinkt sie wieder. Endlich. Ich glaube also, die Welt ist im Allgemeinen ein besserer Ort für die Menschen geworden, aber es gibt immer noch vieles, das besser sein könnte.

    Und glaubt ihr, dass die Menschheit diese Dinge rechtzeitig in den Griff bekommt?

    McCluskey: Die Leute reden immer über den Planeten aus einer menschlichen Perspektive. Wenn sie über das Ende der Welt reden, reden sie eigentlich über das Ende der Menschheit. Aber wenn die Menschheit verschwindet, wird das nicht das Ende der Welt sein. Der Planet wird es uns danken, er kann dann heilen. Das Entscheidende ist, dass wir die einzige empfindungsfähige Spezies auf dem Planeten sind, die einzige, die versteht, dass sie existiert. Und dass sie eine Geschichte hat. Wir sind einfach da, zufällig hierher gekommen, deswegen ist es wichtig für uns, das Beste aus dem zu machen, was wir haben. Lasst uns das nicht aufgeben.

    Wie bekommt man es nach 45 Jahren im Business eigentlich hin, sich nicht zu wiederholen und trotzdem wie man selbst zu klingen?

    OMD auf RTL+ Musik

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    (Foto: picture alliance / Avalon/Retna)

    Hören Sie Orchestral Manoeuvres in the Dark auf RTL+ Musik.

    Humphreys: Wir haben tatsächlich sehr viele Songs gemacht und wiederholen uns nicht gerne. Es kommt also vor, dass man sich hinsetzt und einen Song schreibt und dann merkt, das man das so schon mal gemacht hat. Es wird immer schwieriger, je weiter man geht.

    McCluskey: Aber wir haben am Anfang unserer Karriere eher zufällig einen Sound kreiert, der dann zu unserem wurde. Wir wollten experimentieren und haben dabei unbewusst diese Fähigkeit für Melodien offengelegt. Das machte es möglich, dass unsere Experimente zu Hits wurden, was erstaunlich ist. Unser Erfolg war ein glücklicher Unfall und nie ein Plan. Ein schöner, glücklicher Zufall. Wir haben also diesen Sound und wären dumm, wenn wir ihn aufgeben würden. Aber wir wollen uns auch nicht selbst kopieren. Und der Produktionsstil ist heute sowieso anders als vor 40 Jahren. Die neuen Technologien haben den Sound verändert, aber wir haben hoffentlich noch immer die Balance, sodass es wie OMD klingt, aber nicht wie eine Kopie, sondern eben ein neues OMD.

    Humphreys: Wir haben eine natürliche Handschrift, eine bestimmte Art und Weise, wie wir die Dinge angehen. Und Andys Stimme ist sehr markant. Das bleibt, auch wenn wir moderne Produktionstechniken verwenden. Also selbst wenn sich unser Sound verändert, kann man uns noch immer erkennen.

    Klingt, als wärt ihr froh über den technologischen Fortschritt ...

    McCluskey: Es gibt verschiedene neue Technologien an unterschiedlichen Stellen in der Musikindustrie. Die kreativen sind meist sehr positiv. Was hart ist, sind die vielen Möglichkeiten, die man heute hat. Wir nennen es "die Tyrannei der Auswahl". Es gibt zu viele Möglichkeiten. Früher war es einfach. Man hatte maximal 24 Spuren auf einem 2-Zoll-Band. Wenn das voll war und jemand hatte eine tolle Idee, musstest du dich immer fragen, ob sie besser ist als die anderen 24, denn man musste dafür etwas löschen. Man war dadurch sehr eingeschränkt, das war eine ernsthafte Selbstkontrolle. Jetzt hat man Hunderte von Kanälen. Im Großen und Ganzen aber ist die Technologie positiv fürs Songwriting.

    Humpreys: Und es ist gut, dass wir nicht mehr unsere analogen Geräte dafür brauchen. Wir werden oft gefragt, warum wir die nicht mehr nutzen. Ehrlich gesagt tun wir das nicht mehr, weil sie nerven.

    McCluskey: Sie wiegen eine Tonne. Und das Tolle ist doch auch, dass ich jetzt eine Song-Version 1.6 an Paul schicke und irgendwann eine Version 2.1 zurückbekomme. Man kann das ganz einfach umbenennen, alle Versionen behalten und muss später nicht ewig versuchen, diesen einen Ton wieder genauso hinzubekommen wie davor. Er ist einfach noch immer da. Aber auch der Zugang zur Musik selbst hat sich völlig verändert. Als wir angefangen haben, gab es nur Vinyl und Kassetten. Dann erst kamen CDs, digitale Medien und jetzt Streaming. Wer hätte gedacht, dass Vinyl wieder wachsen würde? Einige Leute mögen es, ein physisches Produkt in den Händen zu haben. Aber die meisten konsumieren Musik heute natürlich digital.

    Ist die Digitalisierung also eher Fluch oder Segen?

    McCluskey: Als Musik nur noch ein Icon oder ein MP3 war und man sie kopieren, einfügen, löschen, verschicken konnte, war das die größte Veränderung. Es schien, als habe ein physisches Produkt seinen Wert verloren. Die Leute zahlen 200 Euro für ein Konzert, aber sie fragen sich, warum sie 99 Cent zahlen müssen, um etwas herunterladen zu können. Und natürlich tun sie das nicht. Das ist beim Streaming ja ähnlich. Der Wert ist weg, die Spotify-Tantiemen für die Künstler sind extrem gering. Als wir jung waren, haben wir Millionen von Platten verkauft, und das Touren hat Geld gekostet. Jetzt bringen die Platten kein Geld ein, aber das Touren.

    Humphreys: Es ist Fluch, aber auch Segen, weil man Zugang zu vielen, vielen Dingen hat. Man kann so vieles entdecken. Die Algorithmen sind gut und es wird einem Musik vorgeschlagen, die man vielleicht nie in einem Plattenladen gefunden hätte. Und außerdem hat jede Generation Zugang zu 50 bis 60 Jahren Musik. Das ist das Tolle daran. Wir haben so viele jüngere Leute, die zu unseren Konzerten kommen, weil sie uns auf Spotify oder Youtube entdeckt haben.

    Ihr habt euch im Laufe eurer Karriere mehrfach getrennt. In den 80ern bereits einmal, dann noch einmal 2005. Was ist das Wichtigste, was ihr aus diesen Phasen gelernt habt?

    McCluskey: Einer der Gründe, warum sich die ursprüngliche Band in den 80er aufgelöst hat, war, dass wir kein Geld hatten. Das war verrückt, denn wir hatten Millionen Platten verkauft und trotzdem nichts. Aber nicht etwa, weil wir Schlösser, Lear-Jets und Jachten kauften, sondern weil wir einen beschissenen Vertrag unterschrieben hatten. Was sie dir mit einer Hand gegeben haben, haben sie dir mit fünf Händen wieder weggenommen. Wir haben für alles bezahlt. Wir gingen ständig auf Tournee und verloren dabei Geld. Also brauchten wir ein Album, um wieder etwas zu verdienen und haben uns zu sehr drängen lassen. Hätten wir uns mehr Zeit gelassen, wären bessere Songs dabei rausgekommen.

    Humphreys: Wir waren immer weniger zufrieden mit dem, was wir produzierten.

    McCluskey: Nachdem wir wieder zusammengekommen waren, haben wir zwei Jahre lang live gespielt, bis wir uns vorkamen wie unsere eigenen Tribute-Band. Also brauchten wir neue Musik, aber die wollten wir nur veröffentlichen, wenn wir sie wirklich gut finden und vollständig dahinterstehen. Als wir zu sehr darüber nachdachten und meinten, einen Hit zu brauchen, verloren wir den Überblick. Das passiert uns nie wieder, und so dauert es jetzt eben auch schon mal sechs Jahre, bis ein neues Album erscheint. Das haben wir daraus gelernt.

    Anfang des Jahres geht es auf Tour. Wie sehr nervt es euch, dass die Fans ganz sicher vor allem die alten Hits hören wollen?

    Humphreys: Es nervt uns gar nicht. Wir sind sehr stolz auf unsere Hits.

    McCluskey: Wir sind auf unseren Katalog so stolz wie auf die eigenen Kinder, die es im Leben zu etwas gebracht haben. Ich verstehe Bands nicht, die keinen Respekt vor ihren großen Hits haben. Die Songs waren gut zu euch, also respektiert sie. Macht keine Akustik- oder Instrumental-Medleys für das Publikum. Spielt nicht mit den Erinnerungen der Leute. Macht es so, wie sie es wollen.

    Humphreys: So ist es einen Zeitreise. Ich will als Fan doch das eine Lied hören, wie ich mich daran erinnere. So, wie es auf der Platte ist und nicht irgendeinen peinlichen Remix davon.

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    Ihr wart euch bei "The Punishment Of Luxury" unsicher, ob es noch ein weiters Album geben wird. Wie schaut es nun aus? Könnte "Bauhaus Staircase" der Abschluss eurer Karriere sein?

    Humphreys: Stimmt, ich dachte, das 2017 wäre unser letztes Album. Wir werden ja alle nicht jünger.

    McCluskey: Uns als Band reformiert zu haben, war das Beste, das uns passieren konnte. Wieder zusammengekommen zu sein und neue Platten gemacht zu haben. Davor liefen wir Gefahr, die vergessene elektronische Band aus England zu werden, obwohl wir eine der allerersten waren. Wir machen nicht einfach nur ein neues Album, um ein neues Logo auf unsere Tour-Shirts drucken zu können. Wir machen es, weil wir denken, gutes Material zu haben. Unsere Alben haben uns zeitgemäßer gemacht. Wir sind nicht nur eine Nostalgie-Band, sondern haben auch neue Dinge zu sagen. Aber wir sind in unseren 60ern, und ich will nicht immer nur auf den Bildschirm schauen. Doch so wie ich ein Album machen will, dauert es sehr lange. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen, es ist harte Arbeit. Können wir das noch mal machen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

    Humphreys: Wir brauchen kein neues Album, um auf Tour zu gehen. Wir sind schon so lange unterwegs, dass wir jedes Jahr ein Jubiläum haben. Also könnten wir immer einen Grund finden, um zu touren.

    McCluskey: Wir sehen uns also zum 60. Jahrestag unseres 1981 erschienenen Debütalbums "Architecture and Morality" wieder. (lacht)

    Mit Andy McCluskey und Paul Humphreys von OMD sprach Nicole Ankelmann

    Das Album "Bauhaus Staircase" ist ab dem 27. Oktober erhältlich.

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    Author: Monica Reed

    Last Updated: 1700161922

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